Eine kunterbunte Reise durch Indien…

…ZWISCHEN HEIMWEH UND FERNSUCHT…

 

Gestern noch Vietnam, heute schon Indien. Nach ein paar Stunden über und zwischen den Wolken strande ich 8 Uhr morgens in meinem neuen Hostel in Goa. Ein Großteil der Leute ist NOCH wach… völlig gechillt und im Paradies ihrer selbst. Nachdem ich mich vor jedem neuem Ort immer umfangreich belese, habe ich natürlich gewusst, dass Goa – im Speziellen Vagator Beach – für seine Drogenszene bekannt ist. Ähhh nope… In nur zwei Tagen lerne ich alles, was man über Drogen wissen muss (und ich rede nicht von Gras). Man könnte es als eine Studienreise bezeichnen *Räusper*…

“Goa hat mich gefixt…” 

“Heute habe ich noch nichts eingeworfen, erst morgen wieder. Ich bin nicht abhängig…” 

“Ich hatte einen Blackout und weiß nicht mehr, wie ich nach Hause gekommen bin, aber ich hatte einen geilen Trip..”

 

Von Goa nach Mumbai. Nachdem ich beschlossen habe, kein „Junkie“ zu werden, mache ich ein 20-stündiges Nickerchen im Sleeper-Bus nach Mumbai (alt: Bombay). Der Bus ist besser, als ich dachte, denn das Bett – eine etwa 60 cm breit und 180 cm lange Pritsche ist zwar hart, aber gemütlicher als die Schlafbusse in Südostasien. Allerdings gestaltet sich das Reisen mit dem Bus in Indien für mich recht einsam. Ich bin die einzige „Weiße“ und Englisch spricht hier kaum jemand. Die Frauen sind traditionell im Sari gekleidet und der Großteil meiner Mitreisenden sind Männer. Dazu kommt, dass immer ein bisschen Angst mitschwingt, sich mit Männern zu unterhalten oder ihnen auch nur in die Augen zu sehen. Ich verstecke mich, nur keine Aufmerksamkeit erregen mit meiner Anwesenheit, meinem offensichtlichen “fremd sein”. Die Weiße, die die Sprache nicht spricht, die reich ist, die ein anderes – besseres Leben hat. Glücklicherweise kann ich mein „Abteil“ mit einem Vorhang zuziehen und kann so meine Privatsphäre genießen. Es dauert nicht lange und ich falle ins Land der Träume. Ab und an rüttelt mich die schlagartige Vollbremsung des Busfahrers wach – vermutlich eine Kuh auf der Straße – ich schlafe wieder ein.

Dreieinhalb Monate Südostasien härten ab…

In Mumbai angekommen, werde ich regelrecht erschlagen von Dreck, Lärm und Hektik der Stadt. Die Straßen sind überseht mit pausenlos hupenden Autos, Bussen, Motorrädern, Tuktuks und Menschen, die zwischen all dem Towabu essen, arbeiten und schlafen. Wo man bei uns ein- oder zwei Obdachlose am Bahnhof sieht, sind es hier Tausende – einfach überall! Zwischen Müllbergen kaum zu erkennen, befinden sich Wohn- und Schlaf-„Zimmer“, Küchen und „Toiletten“. Straßenränder und Fußwege dienen als Lebensraum für Mumbais Unterschicht. Wobei sich mir hier die Frage stellt, ob das nicht schon die obere Unterschicht ist. Schließlich „wohnen“ sie inmitten der Großstadt und haben Zugang zu Geld und Nahrung – auch wenn vielleicht erbettelt oder gestohlen… Hinter den „Straßen-Slums“ befinden sich „Gebäude“ oder besser Container, die der nächsthöheren Schicht als Dach über dem Kopf dienen – etwa 20 Quadratmeter große „Ein-Zimmer-Apartments“ für eine ganze Familie. Darunter ist oftmals ein Shop oder Restaurant zu finden. Im Hintergrund entstehen prachtvolle Bürogebäude und Hochhäuser mit Luxuswohnungen. Ein Unterschied wie Tag und Nacht…

Ich fühle mich schlecht dabei, „Weiß“ zu sein und in einer ganz anderen Welt mit ganz anderen Möglichkeiten aufgewachsen zu sein. Es ist nicht fair. Hier zählt, wo du geboren bist: Auf der Straße oder im eher westlich entwickelten Umfeld. In den meisten Augen sehe ich Traurigkeit. Wie können die Menschen auch glücklich und ausgelassen sein, wenn sie umgeben sind von Pech, Armut und Ungerechtigkeit.

In meinem Hostel angekommen, gibt mir der Bohrmaschinen-Lärm des Nachbarkomplexes noch den Rest. Abschalten kann ich hier nur schwer, ebenso wie Brodie – Australierin, die meine neue Reisebegleiterin in Mumbai wird. Gemeinsam beschließen wir das Hostel am nächsten Morgen zu wechseln sowie am Morgen darauf. Zwischendrin lassen wir uns vom Zauber Indiens Filmbranche berieseln. Jeden Tag ein anderer Bollywood-Streifen, leider ohne Untertitel – aber was soll’s kitschige Romantik versteht man auch ohne Text. Als wir das erste Mal in einem von Mumbais zahlreichen Kinos sind, kriegen sich Brodie und ich vor Lachen nicht mehr ein. Nach der Werbung steht der komplette Saal auf und singt die Nationalhymne – wir stehen in der ersten Reihe ganz vorne und können uns kaum beherrschen. Stellt euch mal vor, das würden wir in Deutschland machen…

Meine Zeit in Mumbai besteht aus täglichen Kinobesuchen – jeden Tag ein anderer Film, MCD, Starbucks und shoppen in riesigen Shopping-Centern. Ich schaffe es gerade  mein Tagesbudget von 30 € einzuhalten, währenddessen der Durchschnitt Indiens 2 Monate damit auskommen muss…

In unserem dritten Hostel lernen wir einen Einheimischen kennen, der uns die versteckten Highlights der Stadt zeigt. Er studiert BWL, macht gerade ein Praktikum und führt ein vergleichsweise westliches Leben. Er zeigt uns, wie man Metro fährt, wie wir zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten kommen und was sonst noch zu beachten ist in der Stadt mit den zwei Gesichtern.

Trotz der zwei Gesichter hat Mumbai etwas Magisches für mich… 

 

Traumhafter Ausblick zum Teilen… Ich würde gerne noch in Mumbai bleiben, aber es zieht mich weiter. Nächster Halt ist Udaipur. Ich bin wieder einmal die einzigste Ausländerin im Bus und damit eine Art Attraktion. Langsam gewöhne ich mich daran, ständig angestarrt zu werden… Rausgeschmissen werde ich kurz vor Udaipur. Die Tuktuk-Fahrer reiben sich schon die Hände (wortwörtlich), als sie mich sehen. Nach reichlichen Diskussionen bezahle ich zumindest kein Vermögen für eine Fahrt von dreieinhalb Kilometern bis zu meinem Hostel. Die Stadt und das Zostel (eine stylische Hostel-Kette in Indien) sind traumhaft. Ich habe ein Vierbettzimmer für mich alleine und die Dachterrasse ist der absolute Hammer. Der einzige Haken: Ich bin fast der einzige Gast und fühle mich ein bisschen einsam. Deshalb beschließe ich nur eine Nacht zu bleiben.

 

Am nächsten Tag geht’s in die Hauptstadt. Ich freue mich schon tierisch. Die Busfahrt dauert um die 20 Stunden. Dieser Bus ist der Schäbigste, den ich je hatte – ok, auch der Günstigste… Es kann ja wieder nicht günstig genug sein. Ich bin die Erste und vorerst Einzigste im Bus. Der Busfahrer findet das besonders toll und geht direkt auf Tuchfühlung… Ich bin so freundlich abweisend wie ich nur kann – mein Spezialgebiet! Er gibt mir trotzdem seine Nummer – wofür auch immer… In der Pause führt er mich dann in eine dunkle Gasse, bis es mir zu viel wird. Er meint doch tatsächlich, dass ich mich in eine dreckige dunkle Ecke hocke… Ich sage in einem fast aggressiven Ton „Stopp“!!!! Raus aus der Gasse stößt ein zugegeben gut aussehender Typ dazu und beide zusammen begeben sich auf die Suche einer Toilette für mich. Und tadaaa – 20 Meter weiter befindet sich ein offizielles Loch im Boden – mit Tür! Beide warten vor der Tür auf mich und begleiten mich zurück zum Bus. Eine sogenannte Klo-Escorte…

Der Stargast ist fertig und es kann weiter gehen…

In der nächsten Pause werde ich wieder vom Busfahrer belagert: Wo kommst du her? Fliegst du von Neu Delhi wieder nach Hause? Bist du verheiratet? (das war vermutlich die erste Frage, die er stellen wollte)… Gott sei Dank habe ich mich schon in Vietnam darauf vorbereitet. Ich zeige ihm meinen Ehering, wobei er es mir scheinbar nicht abkauft – oder es ist ihm egal. Ich flüchte in den Bus und haue mich aufs Ohr. Scheinbar haben die Busfahrer nun gewechselt, da der Aufdringliche nun ungefragt alle zwei Stunden meine Schlafkabine öffnet und mir irgendetwas anbieten will… Ich bin froh, wenn ich endlich in New Delhi ankomme.

“Keep going! Difficult Roads often lead to beautiful destinations.” 

Brodie hat mir ein Top-Hostel empfohlen. Das Madpackers im Südosten New Delhis. Der Bus setzt mich mal wieder am Arsch der Welt ab. Ich sehe es gar nicht ein für ein Taxi zu bezahlen. Ich rufe maps.me (Die App, die mir das Reisen wahnsinnig vereinfacht!) auf und mache mich mit Sack und Pack auf dem Weg zum Hauptbahnhof. 45 Minuten durch das Bahnhofsviertel ist ein neuer Kulturschock. Ich sehe ausschließlich Männer, die sich auf den Straßen waschen, umziehen, essen, arbeiten und mich anstarren, ansprechen und ansonsten nicht wirklich viel zu tun zu haben scheinen. Ich bin mal wieder Hauptmittelpunkt der Einheimischen. Zeitgleich sehe ich Senioren, die riesige Wägen mit Reis & Co hinter sich herziehen.

Ich fühle mich 50 Jahre zurückversetzt… 

Die richtige Metro habe ich schnell gefunden, quetsche mich in den Ladies Coach (in Indien gibt es Abteile nur für Frauen – Gott sei Dank, denn diese sind meistens nur halb so voll). Durchgeschwitzt und völlig fertig bin ich gegen 9 Uhr morgens im Hostel angekommen. 14 Uhr kann ich dann auch endlich einchecken und lege mich aufs Ohr.

Das Hostel ist der absolute Wahnsinn – so viele interessante Menschen hier – Personal wie auch Reisende. Jeder Tag ist ein Erlebnis und Indien wird für mich gleich viel schöner. 45 Grad Außentemperatur machen es allerdings fast unmöglich tagsüber vor die Tür zu gehen. Und nachts ist es zu gefährlich.  Daher bleibt mir nichts anderes übrig. Ich stelle mir vor, ich bin in einer Sauna und lass es einfach laufen…

Nach zwei Wochen wird es mir dann aber doch zu heiß und ich flüchte zum kleinen Bruder: Nepal..

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